Die meisten Menschen befassen sich erst mit Sicherheit, wenn etwas passiert ist. Professioneller Schutz arbeitet umgekehrt: Er sucht nach den Bedingungen, unter denen ein Problem überhaupt entstehen kann, und beseitigt sie, bevor jemand sie ausnutzt. Die erste dieser Bedingungen ist dabei selten ein schwaches Schloss oder eine fehlende Kamera. Meist ist es unsere eigene Vorhersehbarkeit.
Morgens um sieben Uhr zwanzig dasselbe Café, derselbe Tisch am Fenster, derselbe doppelte Espresso. Um Viertel nach acht setzen Sie die Kinder vor der Schule ab, am selben Tor wie immer. Um halb neun parken Sie auf Ihrem Platz vor dem Büro. Dienstag- und Donnerstagabend Tennis, Platz Nummer drei. Freitagabend Essen in Ihrem Lieblingsrestaurant und ein Foto im Netz, noch bevor der Hauptgang serviert wird. Samstagvormittag ein Lauf auf derselben Strecke, und die App meldet, dass Sie zwölf Sekunden schneller waren als beim letzten Mal.
Nichts davon ist ein Fehler. So leben die meisten von uns, und so lebt es sich gut. Versuchen Sie nur einmal, diese Woche für einen Moment mit fremden Augen zu betrachten. Nicht als Leben, sondern als Sammlung von Informationen. Wo sich dieser Mensch aufhält. Wann er dort ist. Mit wem. Wie er dorthin kommt. Wann er nicht zu Hause ist. Aus einem einzelnen Tag erfährt man nicht viel. Aus fünf Wochen hintereinander schon.
Im Personenschutz ist das eines der ersten Dinge, die wir uns ansehen. Nicht die Schlösser, nicht die Kameras, nicht die Autos. Das Muster.

Routine ist nicht der Feind
Routine gehört zu den nützlichsten Dingen, die ein Mensch hat. Sie spart Aufmerksamkeit. Sie müssen nicht jeden Morgen entscheiden, auf welchem Weg Sie zur Arbeit fahren und wo Sie Ihren Kaffee trinken, und die gesparte Energie stecken Sie in Dinge, auf die es ankommt. Kinder brauchen Regelmäßigkeit noch mehr als Erwachsene. Unternehmen beruhen auf wiederholbaren Abläufen. Wer Ihnen rät, Ihre Routine abzuschaffen, versteht weder Menschen noch Sicherheit.
Die Wissenschaft ist hier eindeutig. Als das Team des Physikers Albert-László Barabási 2010 anonymisierte Mobilfunkdaten über die Bewegungen von fünfzigtausend Menschen auswertete, errechnete es daraus eine theoretische Obergrenze der Vorhersagbarkeit: 93 Prozent. Das heißt nicht, dass irgendjemand mit dieser Genauigkeit sagen könnte, wo Sie morgen um zehn Uhr sein werden. Es heißt, dass in unseren Wegen so wenig Zufall steckt, dass es im Prinzip möglich wäre. Und dass diese Grenze bei Menschen, die sich im Umkreis weniger Kilometer bewegen, fast genauso hoch liegt wie bei denen, die regelmäßig weite Strecken reisen. Wir sind nicht unberechenbar. Wir sind Gewohnheitstiere, und das ist in Ordnung so.
Das Problem ist nicht die Routine. Das Problem entsteht, wenn die Routine öffentlich wird und zu viele weitere Informationen sie begleiten. Die Kriminologie hat das schon Ende der Siebzigerjahre beschrieben: Damit etwas geschieht, müssen am selben Ort und zur selben Zeit ein Mensch, der die Tat begehen will, ein geeignetes Ziel und die Abwesenheit von jemandem, der ihn daran hindern könnte, zusammenkommen. Schutz im engsten Sinne bedeutet nichts anderes, als dieses Zusammentreffen zu durchbrechen. Und am günstigsten gelingt das beim mittleren Punkt: bei der Frage, wie leicht wir uns selbst zum Ziel machen.
Routine oder unnötige Vorhersehbarkeit?
Ich unterscheide zwei Dinge. Routine ist, dass Sie immer ins selbe Café gehen. Unnötige Vorhersehbarkeit ist, dass das jeder weiß, der sich die Mühe macht, Sie genauer anzusehen – samt Uhrzeit und Tisch. Routine ist, dass die Kinder immer dieselbe Schule besuchen. Unnötige Vorhersehbarkeit ist, dass in einem öffentlichen Profil das Schullogo auf dem Kapuzenpullover zu sehen ist, der Name des Freizeitkurses und auch, dass dienstags die Großmutter die Kinder abholt, weil Sie eine Besprechung haben.
Der Unterschied liegt nicht darin, was Sie tun. Er liegt darin, wie viel über das, was Sie tun, ein Mensch herausfinden kann, der keinerlei Grund hat, Ihnen wohlgesinnt zu sein. Und wie wenig Mühe ihn das kostet.
Routine ist kein Problem. Das Problem entsteht, wenn Routine öffentlich wird.
Die Organisation Bílý kruh bezpečí, die in Tschechien Opfer von Straftaten unterstützt, rät Menschen, die verfolgt werden, unter anderem: Wählen Sie andere Wege, Zeiten und Gewohnheiten als die, die der Verfolger kennt. Das ist ein Rat für den Moment, in dem es bereits ernst ist. Die meisten von uns haben den Vorteil, dasselbe in viel milderer Form und früher tun zu können. Wir müssen unser Leben nicht ändern. Es genügt, es nicht mehr nach außen zu senden.
Die digitale und die physische Welt sind keine zwei Welten mehr
Lange haben wir Sicherheit in zwei Schubladen gedacht. In der einen Schlösser, Alarmanlagen und die Frage, wer vor der Tür steht. In der anderen Passwörter, Phishing und Hacker. Diese Schubladen gibt es nicht mehr. Die meisten physischen Risiken beginnen heute mit einer Information, und die meisten Informationen entstehen heute auf dem Telefon.
Die Polizei der Tschechischen Republik sagt das seit Jahren in ihren Ratschlägen vor dem Sommer: Teilen Sie weder Ihre Abreise noch Urlaubsfotos in sozialen Netzwerken. Das klingt banal, ist aber genau der Punkt, an dem sich eine digitale Spur in eine physische Gelegenheit verwandelt. Studien zum Entscheidungsverhalten von Einbrechern, etwa die Arbeiten von Claire Nee von der University of Portsmouth, zählen Anzeichen dafür, dass jemand im Haus ist, zu den wichtigsten Kriterien, nach denen ein Täter sein Ziel auswählt. Bei einem Einbruch geht es nicht darum, wer das beste Schloss hat. Es geht darum, wer mit Sicherheit nicht zu Hause ist.
Im Dezember 2024 verschickte das FBI an die Profiligen in den Vereinigten Staaten eine Warnung, dass organisierte Gruppen gezielt in die Häuser von Sportlern einbrechen. Laut CBS News, die den Inhalt des Dokuments beschrieben, waren zwischen September und November 2024 mindestens neun Spieler betroffen. Die Nachrichtenagentur AP zitierte aus der Warnung, dass die Täter öffentlich zugängliche Informationen und soziale Netzwerke nutzen, um die Gewohnheiten der Sportler herauszufinden und zu verfolgen, wann sie abreisen und wann sie zurückkehren. Der Spielplan ist öffentlich. Die Reisen zu Auswärtsspielen sind öffentlich. Die Fotos aus dem Hotel sind öffentlich. Niemand musste etwas hacken. Und der Rat des FBI an die Sportler war schlicht: keine Fotos von Wertsachen oder vom Inneren des Hauses veröffentlichen und keine Urlaubsbeiträge in Echtzeit posten.
Und dann gibt es den bekanntesten Fall der letzten Jahre. Kim Kardashian wurde im Oktober 2016 in Paris in einer gemieteten Wohnung überfallen und um Schmuck im Wert von Millionen Dollar beraubt. Als ein Pariser Gericht im Mai 2025 acht Täter verurteilte, fasste sie es laut ABC News in einem Satz zusammen: Die Leute schauten zu und wussten, wo sie war. Den Ring, den sie verlor, hatte sie zuvor ihren Followern auf Instagram gezeigt. Seitdem veröffentlicht sie laut derselben Quelle ihren Standort nicht mehr in Echtzeit. Man muss kein Star sein, damit diese Lektion gilt. Es genügt, etwas zu besitzen, das jemand anderes haben will, und einen Tagesablauf, der sichtbar ist.

Wie aus harmlosen Informationen ein Bild entsteht
Kaum eine einzelne Information über Sie ist gefährlich. Das Foto aus dem Restaurant nicht. Die Laufstrecke nicht. Die Erwähnung einer Konferenz nicht. Der Name der Schule nicht. Gefährlich ist, was entsteht, wenn jemand sie nebeneinanderlegt.
Forscher des MIT und der Katholischen Universität Löwen untersuchten 2013 anonymisierte Bewegungsdaten von anderthalb Millionen Menschen über fünfzehn Monate. Sie stellten fest, dass vier zufällig ausgewählte Raum-Zeit-Punkte – also vier Angaben darüber, wo und wann sich ein Telefon ungefähr befand – ausreichten, um die Bewegungsspur von 95 Prozent der Menschen im Datensatz eindeutig zu machen. Ihren Namen erfährt dadurch niemand. Man erfährt aber, dass Sie es wieder sind. Unsere Bewegungen sind so eigen, dass sie sich nicht verwechseln lassen, und so regelmäßig, dass man sie vorhersagen kann.
In der Sicherheitsanalyse nennt man das den Mosaikeffekt. Die US-Regierung hat ihn 2013 sogar in ihre Regeln für die Veröffentlichung von Daten aufgenommen: Eine Angabe, die für sich genommen niemanden gefährdet, kann in Kombination mit anderen öffentlich zugänglichen Angaben Privatsphäre und Sicherheit gefährden. Was sich aus einem solchen Mosaik über einen einzelnen Menschen zusammensetzen lässt, heißt in der Schutzpraxis Lebensmuster, englisch pattern of life: wo er sich aufhält, wann er dort ist, mit wem, wie er dorthin kommt und wann er nicht zu Hause ist. Wie man es zusammensetzt, beschreibe ich hier nicht, und das werde ich auch nicht tun. Wichtig ist das Prinzip: Die Informationen, die Sie über sich veröffentlichen, addieren sich nicht. Sie multiplizieren sich. Und wer das Mosaik zusammensetzt, muss kein Filmbösewicht sein. Es kann ein ehemaliger Partner sein, ein unzufriedener Geschäftspartner, jemand, den Sie entlassen haben, oder jemand, dem Sie aufgefallen sind und der nicht mehr aufhören kann.
Die Informationen, die Sie über sich veröffentlichen, addieren sich nicht. Sie multiplizieren sich.
Familie und Kinder: die regelmäßigste Routine im Haus
Die meisten Informationen veröffentlichen Menschen nicht über sich selbst, sondern über ihre Kinder. Eine Studie der Palacký-Universität Olmütz, an der sich von März bis Juli 2022 fast 2.500 tschechische Eltern beteiligten, zeigte, dass 69 Prozent von ihnen Informationen über ihre Kinder online teilen. Fast zwei Drittel veröffentlichen regelmäßig Fotos, auf denen das Gesicht des Kindes klar zu erkennen ist. Etwa ein Drittel der Eltern teilt auch Fotos fremder Kinder, ohne deren Eltern zu fragen. Die tschechische Polizei betreibt deshalb ein Aufklärungsprojekt mit dem vielsagenden Titel „Bauen Sie Ihrem Kind keine digitale Spur auf“.
Ich will niemandem mit Entführungen Angst machen, und ich werde es auch nicht tun. Das Risiko, von dem ich spreche, ist prosaischer und häufiger. Der Tagesablauf eines Kindes ist von allen Routinen in der Familie die regelmäßigste. Die Schule beginnt immer zur selben Stunde. Der Freizeitkurs ist immer mittwochs. Abgeholt wird immer zur selben Zeit und von derselben Person. Kommt dann noch ein öffentliches Profil eines Elternteils hinzu, aus dem sich die Schule, der Freizeitkurs und auch die abholende Person ablesen lassen, entsteht ein Bild, das keiner von uns einem Fremden freiwillig zeichnen würde.
Die gute Nachricht: Gegen den häufigsten Missbrauch gibt es eine einfache Absicherung, und zwar die Überprüfung. Ein Kindergarten darf ein Kind nach der tschechischen Verordnung über die vorschulische Bildung einer anderen Person als dem gesetzlichen Vertreter nur auf Grundlage einer schriftlichen Vollmacht übergeben, die der Vertreter ausgestellt hat. Diese Regel ist nicht aus Bürokratie entstanden, sondern aus der schlichten Erfahrung, dass eine unerwartete Änderung der beste Deckmantel ist. „Heute holt ihn der Onkel ab, die Mama schafft es nicht.“ „Der Trainer hat das Training abgesagt, kommen Sie früher.“ „Hallo Mama, ich habe eine neue Nummer, schreib mir auf WhatsApp.“ Diesen letzten Satz kennt die Polizei so gut, dass sie ihn im September 2025 in die Überschrift ihrer Warnung setzte. Allein seit Beginn der Sommerferien 2025 zählten die Polizisten im Bezirk Kladno achtzehn ähnliche Fälle, und bei manchen Betroffenen ging der Schaden in die Hunderttausende Kronen. Der Rat bleibt immer derselbe: Rufen Sie die ursprüngliche Nummer an, überprüfen Sie die Änderung auf einem anderen Weg. Zu Hause wie in der Schule ist es gut, vorab zu vereinbaren, dass eine ungewöhnliche Anweisung immer bestätigt wird – auch um den Preis, dass Sie einmal im Jahr zehn Minuten lang peinlich wirken.

Manager, Unternehmer und Menschen, über die geschrieben wird
Bei Menschen, die Unternehmen führen oder öffentlich bekannt sind, kommt zur persönlichen Routine noch eine weitere Ebene hinzu: die berufliche Routine. Konferenzen werden Monate im Voraus angekündigt. Hauptversammlungen haben feste Termine. Auftritte haben ein Programm mit Ankunftszeit. Dienstreisen spiegeln sich in den Kalendern der Assistentinnen wider, in Beiträgen auf LinkedIn und in Fotos vom Flughafen.
Die lehrreichste Geschichte der letzten Jahre zu diesem Thema lieferte kein Angriff, sondern Journalisten. Die Tageszeitung Le Monde spürte im Oktober 2024 in der Sport-App Strava die öffentlichen Profile von 26 Agenten des US Secret Service, 12 Mitgliedern der französischen Präsidentenschutzgruppe und 6 Angehörigen des russischen Föderalen Schutzdienstes auf. Das ist belegt. Aus ihren veröffentlichten Läufen leitete die Redaktion dann die Bewegungen der Schutzpersonen ab: ein privates Wochenende von Emmanuel Macron in Honfleur im Jahr 2021, das nicht in seinem offiziellen Programm stand, oder das Hotel in San Francisco, in dem Joe Biden 2023 während der Gespräche mit dem chinesischen Präsidenten wohnte – und zwar einige Stunden vor seiner Ankunft, weil einer der Agenten vom Hotel aus joggen gegangen war. Der US Secret Service antwortete der Zeitung, der Schutz sei seiner Ansicht nach nicht gefährdet gewesen; der Élysée-Palast sprach von sehr geringen Auswirkungen. Dennoch haben Menschen, deren Beruf es ist zu schützen, ihren Klienten durch ihre eigene Routine verraten. Wenn das ihnen passieren kann, kann es jedem passieren, der ein Team, eine Familie und ein Telefon um sich hat.
Die Geschichte der Branche kennt auch schlimmere Ausgänge. Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, kam am 30. November 1989 bei einem Bombenanschlag unweit seines Hauses in Bad Homburg ums Leben, auf dem Weg zur Arbeit. Die Sprengladung war an der Straße platziert, die er regelmäßig fuhr. Für den Anschlag musste man nichts Geheimes wissen, nur die Route. Und ein öffentlicher Auftritt hat immer dieselbe Schwachstelle: einen angekündigten Ort, eine angekündigte Zeit und den Moment, in dem sich die Schutzperson den Menschen nähert. Genau dort konzentriert sich der größte Teil der Arbeit, die von außen niemand sieht.
Und dann gibt es eine Ebene, die keinen physischen Angriff betrifft, aber viel häufiger ist. Das tschechische Nationale Amt für Cyber- und Informationssicherheit stellt in seinem Bericht zum Stand der Cybersicherheit für das Jahr 2025 fest, dass Phishing aus Sicht der Organisationen die am weitesten verbreitete Bedrohung war: Neun von zehn Organisationen, die dem Amt im Rahmen einer Umfrage geantwortet haben, waren damit konfrontiert. Zu den häufigsten Formen der Cyberkriminalität zählten laut demselben Bericht Betrugsmaschen, die auf Social Engineering und der Manipulation der Opfer beruhen. Die Polizei verzeichnet für 2025 über ein Drittel mehr Betrugsfälle zum Nachteil natürlicher Personen als im Jahr zuvor. Der Betrug, bei dem sich jemand als Firmenchef ausgibt, hat laut Europol und der tschechischen Polizei denselben Kern: Druck durch Dringlichkeit und die Bitte um absolute Vertraulichkeit. Und er gelingt dort, wo ein Mitarbeiter die Anweisung nicht beim tatsächlichen Vorgesetzten überprüft – etwa weil dieser gerade nicht im Büro ist. Woher weiß der Täter, wann er nicht im Büro ist? Oft von dort, wo der Chef es selbst hingeschrieben hat.

Der Mann im Anzug einen Meter neben dem Klienten ist erst der letzte und seltenste Teil der Arbeit. Würde alles andere funktionieren, hätte er nichts zu tun.
– Robert Václavík
Was Personenschutz tatsächlich leistet
Im Film sieht Personenschutz aus wie ein großer Mann im schwarzen Anzug einen Meter neben dem Klienten. In der Praxis ist dieser Mann einen Meter neben dem Klienten erst der letzte und seltenste Teil der Arbeit. Würde alles andere funktionieren, hätte er nichts zu tun.
Aus Sicht des professionellen Schutzes ist die Reihenfolge umgekehrt. Zuerst die Information: was über den Klienten öffentlich bekannt ist, was Familie, Firma, Kalender, Auto und Sport über ihn verraten. Dann die Planung: welcher Weg, wann, wo gewartet wird und wo nicht, wo es eine Alternative gibt. Dann die Vorbereitung von Orten und Menschen. Erst danach die Präsenz. Und die ganze Zeit über Situationsbewusstsein – also die Fähigkeit, zu bemerken, dass etwas nicht stimmt, bevor es sich zeigt, und die Bereitschaft, den Plan zu ändern, wenn die Lage nicht passt. Guter Schutz ist diskret, nicht weil das elegant ist, sondern weil Aufmerksamkeit an sich ein Risiko ist.
Der US Secret Service untersuchte in den Neunzigerjahren alle 83 Personen, die in den Vereinigten Staaten zwischen 1949 und 1996 eine prominente Person des öffentlichen Lebens angegriffen hatten oder einem Angriff nahegekommen waren. Drei Schlussfolgerungen dieser Studie sind auch außerhalb der Branche wissenswert. Es gibt kein verlässliches Täterprofil. Weniger als ein Zehntel von ihnen hatte das Ziel oder die Polizei vorher direkt bedroht. Und zugleich hatten zwei Drittel ihre Überlegungen zu einem Angriff vorher jemand anderem gegenüber erwähnt – Familie, Freunden, Kollegen – oder sie aufgeschrieben. Angriffe sind laut der Studie keine plötzlichen Ausbrüche, sondern das Ergebnis eines nachvollziehbaren und erkennbaren Denk- und Verhaltensprozesses. So weit die Studie. Was daraus für die persönliche Sicherheit folgt, ist meine Lesart: Sie können nicht auf eine Drohung warten, um anzufangen. Sie können einem Angreifer aber das nehmen, was er für diesen Prozess am dringendsten braucht: Informationen und einen vorhersehbaren Moment.
Sechs Dinge, die für jeden sinnvoll sind
Ich will Ihnen keine Liste für Paranoiker geben. Das hier sind ein paar vernünftige Dinge, die sich noch diese Woche umsetzen lassen und Ihr Leben nicht verändern.
- Den Standort erst später. Veröffentlichen Sie Ihren genauen aktuellen Standort nicht, wenn es dafür keinen Grund gibt. Das Foto aus dem Restaurant kann bis morgen warten. Sport-Apps können Start und Ziel einer Strecke oder die ganze Karte ausblenden.
- Prüfen Sie die ganze Familie. Sehen Sie von Zeit zu Zeit nach, was sich aus öffentlichen Quellen über Ihre Familie herausfinden lässt. Nicht über Sie, über die ganze Familie. Die schwächste Stelle ist oft ein Profil, das Sie vergessen haben, oder ein Verwandter, der für Sie teilt.
- Der Tagesablauf der Kinder bleibt zu Hause. Veröffentlichen Sie nicht den regelmäßigen Tagesablauf Ihrer Kinder. Schule, Freizeitkurs, Abholzeit und die abholende Person sind zusammen mehr als die Summe ihrer Teile.
- Änderungen immer überprüfen. Vereinbaren Sie zu Hause und mit der Schule, dass eine unerwartete Programmänderung immer überprüft wird. Ein Anruf bei der bekannten Nummer dauert eine Minute.
- Den Termin ja, die Logistik nein. Trennen Sie die öffentliche Information, dass Sie irgendwo sein werden, von der Logistik. Dass Sie auf einer Konferenz sprechen, ist in Ordnung. Hotel, Ankunftszeit und wer Sie fährt, gehören nirgendwohin.
- Drohungen nicht öffentlich austragen. Wenn Sie jemand bedroht, streiten Sie nicht im Internet mit ihm. Sichern Sie Beweise, brechen Sie den Kontakt ab und wenden Sie sich an die Polizei oder an eine Organisation, die Opfern hilft. Ein öffentlicher Streit gibt dem Täter genau das, was er will: Aufmerksamkeit und Informationen über Ihre Reaktion.
Sicherheit als Freiheit, nicht als Liste von Verboten
Die schlechteste Art, sich zu schützen, ist, Angst zu bekommen. Ein verängstigter Mensch sperrt entweder sich und seine Familie in Verbote ein oder gibt nach zwei Wochen auf und kehrt zum alten Zustand zurück. Beides funktioniert nicht.
Der Sinn von Sicherheit ist kein Leben voller Einschränkungen. Es geht darum, unnötige Risiken zu beseitigen – also solche, die wir selbst erzeugen und deren Beseitigung uns nichts kostet. Wer weiß, was er über sich preisgibt, kann frei entscheiden, was er preisgeben will. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Menschen, der leicht zu finden ist, und einem Menschen, der entschieden hat, wer ihn findet.
Gehen Sie weiter in Ihr Café. Laufen Sie Ihre Strecke. Schicken Sie Ihre Kinder auf die Schule, die Ihnen gefällt. Senden Sie nur weniger nach außen und nehmen Sie mehr wahr. Ein Bodyguard ist erst dann an der Reihe, wenn das nicht ausreicht. Bei den meisten Menschen reicht es.
Der Sinn von Sicherheit ist kein Leben voller Verbote. Es ist die Freiheit zu entscheiden, wer Sie findet.
Robert Václavík Gründer der Bodyguard Group®. Mit diesem Text eröffnet er seine Reihe „Perspektiven“ über persönliche Sicherheit im Alltag.
Quellen und Grundlagen (20)
Fakten geprüft zum 24. September 2026. Die zitierten Fälle werden in ihrem zeitlichen Kontext angeführt; es handelt sich nicht um eine Risikostatistik für einen bestimmten Klienten.
- Song, Qu, Blumm, Barabási: Limits of Predictability in Human Mobility, Science 201093 % als theoretische Obergrenze der Vorhersagbarkeit; 50.000 Nutzer.
- de Montjoye et al.: Unique in the Crowd, Scientific Reports 20131,5 Millionen Menschen; vier Punkte unterscheiden 95 % der Bewegungsspuren.
- Cohen, Felson: Social Change and Crime Rate Trends, American Sociological Review 1979Täter, geeignetes Ziel, Abwesenheit eines Schützenden.
- Nee, C.: Understanding expertise in burglars, Aggression and Violent Behavior 2015Anzeichen für die Anwesenheit von Bewohnern als Kriterium bei der Zielauswahl.
- Kopecký et al.: Sharenting u českých rodičů a jeho rizika, Pediatrie pro praxi 202369 %, 2.481 Eltern.
- Univerzita Palackého v Olomouci / E-Bezpečí: Sharenting u českých rodičů 2022Datenerhebung März bis Juli 2022; 64,7 % Fotos mit erkennbarem Gesicht.
- Fein, Vossekuil: Protective Intelligence and Threat Assessment Investigations, NIJ 199883 Personen, 1949–1996; zwei Drittel haben sich jemandem gegenüber geäußert.
- Fein, Vossekuil: Preventing Assassination, NIJ 1997Es gibt kein verlässliches Täterprofil.
- NÚKIB: Zpráva o stavu kybernetické bezpečnosti ČR za rok 2025Phishing als am weitesten verbreitete Bedrohung, neun von zehn Befragten.
- Europol: CEO/BEC fraud (Merkblatt auf Tschechisch)Dringlichkeit und Bitte um Vertraulichkeit als Merkmale des Betrugs.
- Office of Management and Budget (USA): Memorandum M-13-13, Open Data Policy, 2013Definition des Mosaikeffekts.
- Vyhláška č. 14/2005 Sb., o předškolním vzdělávání, § 5 odst. 1Übergabe des Kindes an eine bevollmächtigte Person nur auf Grundlage einer schriftlichen Vollmacht des gesetzlichen Vertreters.
- Policie ČR: Před odjezdem na dovolenou se zabezpečte, 9. Juli 2024Weder die Abreise noch Urlaubsfotos teilen.
- Policie ČR, KŘP Středočeského kraje: „Ahoj mami…“, 17. September 202518 Fälle im Bezirk Kladno seit Beginn der Sommerferien 2025.
- Policie ČR: Nebudujte dítěti digitální stopu, 2. Juni 2025Aufklärungsprojekt der Polizei.
- Policie ČR: Vývoj registrované kriminality v roce 2025, 21. Januar 2026Betrug zum Nachteil natürlicher Personen +36,6 %.
- Bílý kruh bezpečí: Nebezpečné pronásledováníAndere Wege, Zeiten und Gewohnheiten wählen; Beweise sammeln.
- Le Monde: How Emmanuel Macron can be tracked, 27. Oktober 2024Primärrecherche StravaLeaks.
- Associated Press / Fortune: 29. Oktober 202426/12/6 Profile, Honfleur 2021, San Francisco 2023.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Vor 30 Jahren: Ermordung von Alfred Herrhausen30. November 1989, auf dem Weg von seinem Haus in Bad Homburg zur Arbeit.
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